“Ende der Fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts traten einige Männer aus den industriellen Kreisen Augsburgs in Verbindung mit verschiedenen Münchener Kapitalisten dem Gedanken nahe, die große Wasserkraft der Mangfall, eines wasserreichen, mit starkem Gefälle ausgezeichneten Gebirgswassers, für die Textilindustrie nutzbar zu machen, und in dem noch unkultivierten Gebiet der Mangfallauen zwischen Aibling und Rosenheim eine große Baumwollspinnerei zu gründen.” (1)
Das Hauptgebäude 1862 (1)
Die Anregung zu diesem Plan ging von Theodor Haßler aus, Oberingenieur bei der Maschinenfabrik L.A. Riedinger in Augsburg und dort für die Erbauung und Einrichtung von Baumwollspinnereien zuständig. Diesen wiederum hatten die Grundbesitzer Graf Lodron und von Grainer auf die Wasserkraft der Mangfall aufmerksam gemacht. Die beiden besaßen ausgedehnte Torfgrundstücke an der Haltestelle Kolbermoor der Bahnlinie München-Rosenheim.
Die zukünftigen Gründer und Geldgeber erkannten schnell die Vorteile des Standortes:
- Bahnanbindung vorhanden
- Nähe zu Tirol und Salzburg für eine billige Einfuhr der Produkte nach Österreich
- Wasserkraft der Mangfall als billige Betriebskraft
- Genügend Arbeitskräfte durch die anspruchslose Landbevölkerung
- Billiges Heizungsmaterial durch die Torfmoore und den Holzreichtum des Alpenvorlandes
- Billiges Baumaterial aus der Umgebung
Die Finanzierung des neuen Unternehmens hatte das Bankhaus Sebastian Pilchers sel. Erben in München übernommen, Inhaber ein Herr Schönlin. Er konnte sich im November 1860 über 1.131.250 fl. gezeichnetes Kapital freuen. Das Bankhaus rief am 15.11.1860 die erste Generalversammlung nach München ein. Hier erfolgte nun die förmliche Gründung der Aktiengesellschaft “Baumwoll-Spinnerei Kolbermoor”.
Am 11.12.1860 wurde die zweite Generalversammlung einberufen, hier erfolgte die Wahl des neunköpfigen Gesellschafterausschusses:
- L. A. Riedinger
- Direktor C. Buz
- Administrationsrat Otto
- Advokat Dr. Schlichthörle
- Advokat Dr. Ruhwandl
- Bankier Ernst Schönlin
- Graf zu Lodron
- Kreisbaurat Ruland
- Fabrikbesitzer Riemerschmid
Außerdem erfolgte die Berufung des Vorstandes und der Kauf von 130 Tagwerk (1 Tagwerk betrug ca. 3400 m² in Bayern) aus dem Besitz von Graf Lodron zum Preis von 93.000 Gulden.

Die Gründeraktie vom 1. Januar 1862 über 500 Gulden,
eine von 23 aus dem legendären Reichsbankschatz.
Bei meinen Recherchen im Heimatmuseum Kolbermoor entdeckte ich 2008 einen Interims-Schein vom 1. Mai 1861 mit der Nummer 1 über 500 Gulden, gedruckt von C. R. Schurich in München. Dieses Stück ist im Sammlermarkt unbekannt.
Zum Technischen Direktor wurde Theodor Haßler ernannt. Er begab sich im Frühjahr 1861 nach England, um in den berühmten Spinnereimaschinenfabriken zu Oldham und Manchester Erfahrungen zu sammeln.
Johannes Konrad Theodor Haßler (seit 1898 Ritter von Haßler) (* 3. Juli 1828 in Ulm; † 28. Februar 1901 in Augsburg) war ein deutscher Ingenieur, Unternehmensleiter und industrieller Interessenvertreter. Er war langjähriger Vorsitzender des Centralverbandes deutscher Industrieller.
Ebenfalls im Frühjahr 1861 wurden die Bauten unter der Aufsicht von Kreisbaurat Ruland in Angriff genommen. Im Januar 1862 war das Hauptgebäude mit 6 Stockwerken Höhe fertiggestellt. Außerdem entstanden zahlreiche Nebengebäude, Wohnhäuser für Direktoren, Werkstätten sowie 6 Arbeiterwohnhäuser in unmittelbarer Nähe des Fabrikgeländes. Als schwierig erwies sich die Fertigstellung der Wasserbauten, da zwei Hochwasser einigen Schaden anrichteten. Ende 1862 wurde das erste Garn gesponnen, die Anzahl der Arbeiter und Angestellten betrug 270.
Die Wasserkraft
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Obere Wasserkraft erbaut von Del Bondio & Halter, München 1904-1905 (1)
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Turbinenhaus 2-2008
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Die Mangfall ist der Abfluss des Tegernsees und mündet nach 58 km bei Rosenheim in den Inn. Unterwegs nimmt sie das Wasser der Gebirgsflüsse Rottach, Weißach, Schlierach und Leitzach auf. Dieses Gebiet ist ein wichtiges Grundwasserreservoir der Stadt München. München benötigte natürlich immer mehr Trinkwasser, sodass es immer wieder zu Ärger mit der Baumwollspinnerei führte, die ja die Wasserkraft der Mangfall nutzte. Der Mangfallkanal wurde 1860 durch die Baumwollspinnerei erbaut. Er führt von Bad Aibling durch Kolbermoor nach Rosenheim und treibt u.a. die beiden Kraftwerke in Kolbermoor an.
Der Rohstoff Baumwolle-Abhängigkeit von Amerika
Die Gründung der Spinnerei war in eine für die gesamte Baumwollspinnerei günstige Zeit gefallen, die Baumwollernte in den Vereinigten Staaten von Amerika war die beste aller Zeiten, entsprechend niedrig die Preise. Dann brach nach der Wahl von Abraham Lincoln zum Präsidenten der Vereinigten Staaten der Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten aus. Die Nordstaaten der Union blockierten die Häfen der Südstaaten, wie New-Orleans, Galveston und Savannah, von denen aus Europa mit Baumwolle versorgt wurde. Die Baumwollpreise stiegen bis zu 400 Prozent, das führte zum Ruin vieler Spinnereien in England und Deutschland. Die Baumwollspinnerei Kolbermoor überstand diese gewaltige Krise, musste sich jedoch 1863 dringend Kapital verschaffen. Eine Kapitalerhöhung kam nicht in Betracht, da man die Stimmung unter den Aktionären als schlecht einschätzte. So wurde bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank ein Hypothekenanlehen von 600.000 Gulden zu 4 % aufgenommen. Das reichte allerdings nicht aus, man brauchte mehr Betriebskapital.
Die Gründeraktien
Es sind wunderschöne und seltene Zeitzeugen von 1862. Der unbekannte Grafiker hat den Firmenzweck sehr informativ dargestellt. Zwischen einer unaufdringlichen floralen Umrahmung ist oben das Firmengelände zu sehen und am unteren Rand zwei Spinnereimaschinen. Die Auflage ist in den Aktienhandbüchern und Katalogen mit 3.000 Stück zu 500 Gulden angegeben. Diese 3.000 Stück sind nicht alle an den Aktionär gebracht worden. Nach den historischen Unterlagen sind nur 1.271 Aktien gezeichnet gewesen. So beschloss man 1863 aus der oben begründeten finanziellen Schieflage, bis zu 1.000 Aktien zu besonderen Bedingungen zu emittieren, nämlich zusätzlich einen jährlichen Zins von 5% bis zum Jahre 1879 zu zahlen. Damit sind es dann eigentlich Prioritätsaktien
Marktübersicht nach Rolf Ruhland, Bayernkatalog 2007
| Gesellschaft |
Ausgabeort
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Datum
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Wert
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RB
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Marktpreis |
| Actien-Gesellschaft Baumwoll-Spinnerei Kolbermoor |
München |
01.01.1862
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500
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23
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(500-750)
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| Actien-Gesellschaft Baumwoll-Spinnerei Kolbermoor |
München |
15.02.1910
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1.000
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20
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| Baumwollspinnerei Kolbermoor |
Mü. u. Kolbermoor |
26.11.1919
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1.000
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47
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| Baumwollspinnerei Kolbermoor |
Mü. u. Kolbermoor |
28.12.1920
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1.000
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22
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(200-300)
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| Baumwollspinnerei Kolbermoor |
Mü. u. Kolbermoor |
09.12.1922
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1.000
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105
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(150-200)
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| Baumwollspinnerei Kolbermoor |
Kolbermoor |
00.02.1952
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100
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75-100
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| Baumwollspinnerei Kolbermoor |
Kolbermoor |
00.02.1952
|
200
|
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75-100
|
| Baumwollspinnerei Kolbermoor |
Kolbermoor |
00.02.1952
|
1.000
|
|
75-100
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Bekannte Auktionen der Gründeraktie:
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#
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Auktion
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Ausruf/Zuschlag
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544
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XVI. HSK
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650/650
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1011
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56. Tschöpe
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900/900
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1376
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9. FA HWPH
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750/750
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RB
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1169
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95. FHW
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600/700
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2791
|
97. FHW
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500/0
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Frühe soziale Einrichtungen
Mit der Gründung der Baumwollspinnerei entstanden auch zahlreiche soziale Einrichtungen:
1862 -Gründung einer Krankenunterstützungskasse
-Gründung eines Unterstützungsvereins für Arbeiter, die wegen hohen Alters, längerer Krankheit oder sonstiger Arbeitsunfähigkeit in finanzielle Not geraten
-Gründung einer “Spinnerei-Sparkasse” für die Betriebsangehörigen (1933 auf Befehl der NSDAP aufgelöst)
1864 -die Spinnerei stellt einen eigenen Chirurgen ein
-eine Fabrikschule wird gegründet und in einem Zimmer der “Sechs Häuser” für 30 Schüler eingerichtet. 1865 wird die Schule verlegt, da inzwischen fast 100 Kinder unterrichtet werden müssen.
1872 -Gründung des “Konsum-Vereins”. Im Geschäft wurden u.a. Erzeugnisse aus den vier spinnereieigenen landwirtschaftlichen Betriebe zu günstigen Preisen nur an die Werksangehörigen verkauft. Für den Einkauf gab es sogar ein eigenes “Konsum-Geld”. (4)
Grundlage für die Schaffung dieser Einrichtungen war ein Erlass Maximilian II. , König von Bayern, die Gründung von neuen Aktiengesellschaften in seinem Land nur dann zu genehmigen, wenn das “Augsburger Sozialmodell”, benannt nach der Augsburger Kammgarn-Spinnerei, in den Statuten der Gesellschaft berücksichtigt wurde.

“Sechs Häuser” Arbeiterwohnhäuser erbaut 1862, sie stehen jetzt unter Denkmalschutz.
Der Großbrand vom 26. November 1898

Der Großbrand von 1898 Ruine des Hauptgebäudes (1)
“Am 26. November 1898, vormittags gegen 8 Uhr, brach im 4. Stockwerk des Spinnereigebäudes Feuer aus. Bei dem Vorhandensein einer Unmenge leicht brennbarer Stoffe griff dasselbe mit erschreckender Schnelligkeit um sich, so daß bald alle Versuche, das Feuer im Keime zu ersticken, erfolglos blieben. … Nach Verlauf von kaum 1,5 Stunden war der große sechsstöckige Bau unserer Spinnerei in sich zusammengesunken und bis auf die kahlen Umfassungsmauern vollständig ausgebrannt.” (1) Es war ein Todesopfer zu beklagen, der Arbeiter wollte allen Warnungen zum Trotz, noch etwas aus seinen Spind retten. Das Gebäude hatte übrigens schon Fluchttreppen an den Stirnseiten.
Weitere Entwicklung
1912 bezeichnete sich die Baumwollspinnerei selbst als eine der größten und modernsten Spinnereien Deutschlands.
Ab 1920 begann man mit dem Aufbau einer Unternehmensgruppe, es wurden Mehrheitsbeteiligungen an der Spinnerei und Buntweberei Pfersee AG und der Baumwollspinnerei Unterhausen AG erworben. Das war der Beginn einer Reihe von Zukäufen vor und nach dem 2. Weltkrieg. Als Dachgesellschaft gründete man 1926 die Kolbermoor-Union AG. Ab 1976 begann eine Entflechtung dieses Gebildes, der Schlußpunkt: 1993 stellten die verbliebenen Produktionsstätten, darunter auch das Werk Kolbermoor, den Betrieb ein. Das Gelände in Kolbermoor war bis 2006 dem Verfall preisgegeben. Jetzt ist dort ein Gewerbepark entstanden, eins der zwei dreistöckigen Hauptgebäude ist erhalten geblieben und es sind dort Loftflächen für Büros, Galerien usw. entstanden. Auch viele Nebengebäude sind renoviert und beherbergen verschiedene Gewerbe.
Werner Thiele, Bernried
Quellennachweis:
(1) Historische Aufnahmen und Textquellen aus “Denkschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Baumwollspinnerei Kolbermoor 1862″
Dieser Artikel basiert auf meinen Artikel in der Sammlerzeitschrift “der aktiensammler”, hier für das Internet aufgearbeitet.
Weitere Bilder

Luftaufnahme von Kolbermoor Ansichtskarte nach 1945

Haupthaus 2008

Haupthaus 2010

Heimatmuseum Kolbermoor-ein Besuch lohnt sich !

Ehemalige Arbeiterwohnhäuser in Kolbermoor

Historisches Firmenschild am Turbinenhaus 2