Vor 125 Jahren gründete der Kaiserliche Marine-Ingenieur und spätere Königlich Preußische Kommerzienrat O.L. Kummer im Dresdener Stadtteil Niedersedlitz das Unternehmen O. L. Kummer & Co., Werkstätten für Electrotechnik, Mechanik u. Maschinenbau. Daraus sollte bis Ende des 19. Jahrhunderts eines der größten europäischen Elektrounternehmen entstehen. 1888 zählte die Firma 25 Mitarbeiter, zur Jahrtausendwende waren es über 2.000 Arbeiter und Angestellte und damit das größte sächsische Industrieunternehmen.

Historische Anzeige von den Anfängen Kummers
Am Anfang, nicht verwunderlich, wurden eine beträchtliche Anzahl deutscher Schiffe mit Beleuchtungstechnik von Kummer ausgerüstet. Dazu gehörte später auch die vollständige elektrotechnische Ausrüstung der Flotte des Norddeutschen Lloyd. Doch Kummer hatte Größeres vor. Sein Unternehmen in Niedersedlitz lag direkt an der Fernbahnstrecke der Böhmisch-Sächsischen Staatsbahn, die Dresden mit Prag und ganz Südosteuropa verbindet. Daraus ergaben sich viele lukrative Perspektiven. Als erstes brauchte er einen Fachmann für Fabrikneubauten und dazu sollte er auch noch sehr viel von Elektrotechnik verstehen. Dieser Mann ist der 27jährige Badener Ingenieur Fischinger (1860-1931). Er hat sich bei der Chemnitzer Firma Pöge sehr verdient gemacht und Kummer wird ihn abgeworben haben. Fischinger wird Chefingenieur und von 1894 bis 1899 Direktor der Fabrik.

Secunda-Dynamo 4011, Baujahr 1891, Konstrukteur Fischinger, Archiv VEM
1889 stirbt Kummers Vater, ein bekannter Dresdner Kunstmaler, sein ausbezahltes Erbteil nutzt Kummer zum verstärkten Ausbau seiner Produktion. Er macht sein Werk mit Riesenschritten zur Wiege der industriellen Fertigung elektrischer Maschinen in Europa. Als weiteren Spezialisten gewinnt er den Wissenschaftler Dr.-Ing. Max Corsepius als Oberingenieur und Prokurist für die Firma. Corsepius hält nebenbei Vorlesungen an der Technischen Hochschule Dresden zum Thema Konstruktion von Dynamomaschinen und elektrischen Bahnen.
Ein Blick auf die historischen Zustände jener Zeit:
“Von 1890 bis 1895 war in der Wirtschaft Europas ein Stillstand eingetreten. Es hatte sich sehr viel Kapital angesammelt, das nach Betätigung suchte. Nun erfolgte ein wirtschaftlicher Aufschwung auf allen Gebieten. Der Bau neuer Bahnlinien im In- und Auslande, die Vermehrung der Kriegsflotten aller Großmächte, die Entdeckung der Elektrischen Straßenbahnen und die Notwendigkeit von Zentralen für elektrisches Licht brachten für alle Zweige der Volkswirtschaft Beschäftigung. Es verbreitete sich ein grenzenloser Optimismus für Industriewerte.” (1)

Die Gründeraktie von 1894
1894 erstreckt sich die Geschäftstätigkeit von Kummers Firma über halb Europa, die Beschäftigtenzahl wächst unaufhörlich und die Produktionshallen müssen mitwachsen. Zur Kapitalbeschaffung gab es nur einen Weg, die Gründung einer Aktiengesellschaft. So wurde am 23. Juni 1894, mit Rückwirkung zum 1. Januar 1894, die Aktiengesellschaft Elektrizitätswerke (vormals O. L. Kummer) in Dresden gegründet. Das Aktienkapital betrug 1 500 000 Mark, begeben zu 116 Prozent. Zu den Gründern der Aktiengesellschaft Kummer gehörten die beiden Dresdner Bankhäuser George Meusel & Co. und Horn & Dinger. Diese beiden Bankhäuser wurden 1895 von der Creditanstalt für Industrie und Handel, Dresden übernommen. Das Aktienkapital wurde in den folgenden Jahren ständig erhöht:
1896 um 1 000 000 Mark, begeben zu 130 Prozent
1897 um 2 000 000 Mark, begeben zu 160 Prozent
1898 um 3 000 000 Mark, hiervon dienten 1 200 000 Mark zum Erwerb von 1 500 000 Aktien der Elektrizitäts-Aktien-Gesellschaft vorm. Herm. Pöge, Chemnitz, während 1 800 000 Mark von der Dresdener Kreditanstalt zu 165 Prozent übernommen und den Aktionären zu 170 Prozent angeboten wurden
1899 um 2 500 000 Mark, begeben zu 130 Prozent
somit betrug 1899 das Aktienkapital 10 000 000 Mark.
Hinzu kamen noch einige Anleihen, die sich 1901 auf 4 000 000 Mark bezifferten.
In der “Wirtschaftsgeschichte Sachsens im Industriezeitalter” von Rainer Karlsch und Michael Schäfer ist dazu folgendes zu lesen:
“Das bedeutendste dieser Unternehmen, die Firma O. L. Kummer & Co. in Niedersedlitz bei Dresden, übernahm in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre in Sachsen und in anderen deutschen Staaten den Bau zahlreicher Elektrizitätswerke im Auftrag von öffentlichen und privaten Kunden sowie auf eigene Rechnung. Um in diesem Geschäft konkurrenzfähig zu bleiben, mussten große Mengen an Kapital mobilisiert werden. Die Firma Kummer war 1894 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden und erhöhte ihr Grundkapital von zunächst 1,5 Mio. Mark in den nächsten fünf Jahren sukzessive auf insgesamt 1o Mio. Mark. Im Zuge seines schnellen Wachstums geriet das Unternehmen aber zunehmend unter die Kontrolle ihres wichtigsten Geldgebers, der Kreditanstalt für Industrie und Handel. Diese Bank hatte sich erst 1895 dem Industrieanlagengeschäft zugewandt, verfolgte dabei aber allzu ehrgeizige Pläne. Schon 1896 übernahm die Kreditanstalt für Industrie und Handel die Führung bei der Gründung der Allgemeinen Industrie-Aktiengesellschaft, unter deren Dach schnell ein ausgedehnter Konzern der elektrotechnischen Industrie entstand. Den Kern dieses Firmenkonglomerats bildete die Kummer AG. Darum gruppierte sich eine Reihe weiterer Industriefirmen, darunter das Chemnitzer Elektro-Unternehmen Pöge sowie eine größere Anzahl neu gegründeter Träger- und Finanzierungsgesellschaften für Elektrizitätswerke. Der Kummer-Konzern betrieb mit den von der Kreditanstalt für Industrie und Handel mobilisierten Kapitalien und Krediten in den folgenden Jahren eine geradezu hemmungslose Expansionspolitik. In der kurzen, aber scharfen Konjunkturkrise der Jahrhundertwende brach dieses Gebilde wie ein Kartenhaus zusammen und die Aktiengesellschaft Elektrizitätswerke vormals O. L. Kummer & Co. musste 1901 in Konkurs gehen.” (2)

Creditanstalt für Industrie und Handel 1897
Noch genauer wird das Unternehmen in “Die Bankkatastrophen in Sachsen im Jahre 1901″ beschrieben. Der Autor Dr. Arthur Schulze nimmt die Gesellschaft detailliert auseinander:
An der Spitze steht das Bauhaus, die AG Elektrizitätswerke vorm. O. L. Kummer & Co. Dresden mit 22 Vertretungen im In- und Ausland, gegründet 1894.
Die Aufnahmegesellschaften:
1. AG für elektrische Anlagen und Bahnen in Dresden, gegründet 1895
2. Allgemeine Industrie-AG in Dresden, gegründet 1896
3. Elektrizitätswerke Betriebs-AG in Dresden, gegründet 1900
Die Ergänzungsfabriken:
1. AG Deutsche Kabelwerke, vorm. Hirschmann & Co. Berlin, gegründet 1896
2. Wagenbauanstalt und Waggonfabrik für elektrische Bahnen vorm. W. C. F. Busch, AG in Hamburg und Bautzen, gegründet 1896
3. Elektrizitäts-AG vorm. Hermann Pöge, Chemnitz, gegründet 1897
4. Maschinen- und Werkzeugfabrik, AG vorm. Aug. Paschen in Cöthen, gegründet 1897
5. AG Holm, Danzig, gegründet 1899
Ferner gehörten zum Konzern 3 Provinzial-Aufnahme-Gesellschaften und 6 Individual-Betriebs-Gesellschaften.
Unter den Gründern, Aufsichtsräten und Direktoren dieser Gesellschaften finden sich fast stets die gleichen Personen. Über die Gründungsvorgäne selbst zitiert der Autor die Revisionskommission der Dresdner Kreditanstalt:
” Nach den Buchungen zu urteilen, ist eine solche Gründung folgendermaßen vor sich gegangen: Vielleicht eine Stunde vor Beginn der betreffenden Gründersitzung sind die Gründer an der Kasse der Kreditanstalt erschienen und haben sich dort jeder die Summe geben lassen, mit welcher er sich an der Gründung beteiligen wollte. In der Sitzung selbst hat dann der Notar die Herren aufgefordert, dem § 195 des H. G. B. zu entsprechen, nämlich die darin geforderte bare Einzahlung von mindestens ein Viertel des Nennbetrages der Aktien zu leisten. Nachdem das geschehen, hat dann der Notar die Gesamtsumme dem Direktor der soeben gegründeten Gesellschaft übergeben, und dieser hat dieselbe darauf an der nämlichen Kasse der Kreditanstalt wieder abgeliefert.”
Im Jahre 1899 machten sich Anzeichen eines Abflauens der Konjunktur bemerkbar. Im Geschäftsbericht der Deutschen Bank von 1898 war zu lesen: “Unsere Thätigkeit auf dem Gebiete der elektrischen Unternehmer-Geschäfte war eine ziemlich lebhafte; indessen ist durch die steigende Concurrenz und die anscheinende Leichtigkeit der Geldbeschaffung die Anzahl der begehrenswerten Objecte stark verringert worden”
Damit stockte auch der Absatz der Aktien und hörte ganz auf. Das war aber die wichtigste Geldquelle gewesen. Die Dresdner Kreditanstalt musste nun ihren Diskontkredit erweitern. Dazu stellte sie zur Rediskontierung Wechsel aus. Auch diese Quellen wurden misstrauisch und versiegten. Am 12. Juli 1901 wurde eine Generalversammlung der Kreditanstalt für Industrie und Handel einberufen und der Beschluss über die Liquidation der Gesellschaft gefasst. Da die Kreditanstalt der fast alleinige Geldgeber des Kummer-Konzerns war, brach dieser in sich zusammen und beantragte ebenfalls die Eröffnung des Konkurses. Der einberufene Gläubigerausschuss sah sich nun vor komplizierte Aufgaben gestellt. Das weitverzweigte Kummer-Imperium ließ sich nicht einfach liquidieren. Schon bald wurde von einer Reorganisation gesprochen. Als Ergebnis wurde 1903 (die Gründeraktie trägt das Datum vom 1. Mai 1903) die Sachsenwerk Licht- und Kraft AG mit einem Grundkapital von 1 500 000 Mark gegründet. Eine Führungsrolle bei dieser Umwandlung hatte das Dresdner Bankhaus Gebr. Arnhold. Die Geschichte des Sachsenwerkes lässt sich bis in die Gegenwart verfolgen, das dauert aber etwas länger.
Oskar Ludwig Kummer
Geboren am 23. August 1848 in Dresden, Waisenhausstrasse 3, als Sohn von Prof. Kummer, Landschaftsmaler und dessen Ehefrau Auguste Wilhelmine. Nach der Elementarschule besucht er das Polytechnikum in Dresden, danach Ausbildung zum Marineingenieur an der Kaiserlichen Marineschule in Wilhelmshafen.
1875 Heirat mit Fanny Imhoff, geboren 1854 in Wien.
Bis 1879 lebt und arbeitet Kummer als Schiffsingenieur in Wilhelmshafen, danach Rückkehr nach Dresden. 1882 wird er im Geschäftshandbuch bereits als Mitinhaber der Firma O.L. Kummer & Co., Technisches Büro für Maschinenbau und Fabrikanlagen geführt, Schwerpunkt Schiffsbeleuchtung.
1898 wird Kummer im Dresdner Adressbuch wie folgt aufgeführt:
Oskar Ludwig Kummer, Königlich Preußischer Kommerzienrat, Kaiserlicher Marine- und Maschinenbau-Ingenieur a.D., Oberleutnant der Landwehr a.D., Generaldirektor der Fabrik Aktiengesellschaft Electricitätswerke (vorm. O.L. Kummer & Co.)
Die Zeit von 1901-1902 war für Kummer besonders schwierig, solch eine Niederlage hatte der angesehene Geschäftsmann bisher noch nicht erlebt. Erst 1906 hört man wieder von ihm, er gründet ein kleines Unternehmen mit 10 Mitarbeitern in der Dürerstrasse in Dresden. Nach 5 Jahren gibt er das Gewerbe auf. Er verstirbt vergessen am Gründonnerstag, den 4. April 1912 in der Dürerstrasse. Die Witwe Fanny überlebte ihren Gatten und verstarb 1944 im Alter von 90 Jahren.
“Oskar Ludwig Kummer hat mit seinem Wirken die Industrialisierung und Mechanisierung in Deutschland maßgeblich vorangetrieben und über zwei Jahrzehnte hinweg wichtige Grundlagen dafür geschaffen, dass Dresden weltweit auch als Wiege und als ein Zentrum des Elektromaschinenbaus in Europa wahrgenommen wird.”
Schlusswort aus dem Buch von Harald Müller: 160 Jahre Oskar Ludwig Kummer, Porträt einer herausragenden Dresdner Unternehmerpersönlichkeit, Dresden 2008
Ebenso stammen alle persönlichen Angaben über O.L. Kummer aus obigen Buch.
(1) “Die Bankkatastrophen in Sachsen im Jahre 1901″ von Dr. Arthur Schulze, Tübingen 1903 in Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Ergänzungsheft IX.
(2) “Wirtschaftsgeschichte Sachsens im Industriezeitalter” von Rainer Karlsch und Michael Schäfer,2006, Edition Leipzig

Ein Kummer-Projekt von 1892-Elektricitäts- und Wasserwerk für Loschwitz, Blasewitz und Weisser Hirsch
Entworfen wurde dieses Bauwerk vom Architektenbüro Schilling & Graebner aus Dresden, sehr bekannte Architekten, die für viele sächsische Bauwerke verantwortlich zeichnen. Dieses Bauwerk aber dürfte nie verwirklicht worden sein. Gern lasse ich mich von Dresdner Heimatforschern berichtigen.

Werbeplakat Süddeutsche elektrische Lokalbahnen oder O. L. Kummer in Oberbayern